130-jähriges Bestehen - Das St. Vinzenz-Krankenhaus Hanau

Fotos: Bildstelle der Stadt Hanau, St. Vinzenz-Krankenhaus Hanau

Vor 135 Jahren wurden die ersten Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul nach Hanau entsandt, um in der ambulanten Krankenpflege tätig zu werden. In der Französischen Allee Nr. 13 fanden sie ihren Wohnsitz. Schnell musste die Zahl der Schwestern verstärkt werden, um der stetigen Nachfrage gerecht zu werden. Auch bei der Kinderbetreuung bestand dringender Handlungsbedarf und so übernahmen sie auch diese Aufgabe recht schnell.
Bald erkannten die Schwestern, dass sie den Kranken, insbesondere unter der armen Bevölkerung, wegen ihrer vielfach sehr bescheidenen Wohnungen und mangelhafter hygienischer Voraussetzungen nur das Nötigste an Pflege bieten konnten und somit eine wirksame Pflege deshalb nicht möglich war. So entstand der Wunsch nach einem eigenen Krankenhaus. Das Mutterhaus Fulda erwarb daher das Anwesen des Hanauer Kaufmanns Wiedersum mit Wohnhaus und Bleichgarten.
Am 11. Juni 1887 begannen unter der Leitung von Oberin Schwester Maria Theresia Köhler die Schwestern mit der Aufnahme und Pflege der ersten Kranken im St. Vincenz-Krankenhaus – damals noch mit „c“ geschrieben.
Nichts war für ein Krankenhaus vorbereitet und große finanzielle Mittel standen den Schwestern nicht zur Verfügung. Das Haus war schnell voll belegt und manchen Hanauer Bürgern fiel es schwer, für die Behandlung und Pflege im Krankenhaus voll umfänglich aufzukommen. So mussten die Schwestern für den Unterhalt des Hauses Bleicharbeiten für die Hanauer Bürger gegen Entlohnung ausführen, was neben der Betreuung der Patienten zusätzlich mühevoll war. Doch die Freude der Schwestern über das eigene Haus überwog die große Anstrengung.
Da die anderen Aufgaben neben dem Krankenhausbetrieb, sprich ambulante Krankenpflege und Kinderbetreuung, weiterliefen, kamen zusätzliche Schwestern nach Hanau, um diesen vielfältigen Aufgaben gerecht zu werden.
In Laufe der nächsten Jahre wurden durch die Hanauer Gesundheitspolizei vielfältige Auflagen erhoben, sodass das alte Haus langfristig nicht weiter genutzt werden konnte. So wuchs der Wunsch der Schwestern nach einem Krankenhausneubau.
Der Neubau auf dem Bleichgarten wurde 1893 feierlich eingeweiht und umfasste 60 Betten. Er erfüllte die damaligen Anforderungen eines modernen Krankenhauses. Im Laufe der Zeit wurde weiterhin das Anwesen Frankfurter Straße 33 mit Wohnhaus erworben, sodass das Krankenhaus wieder erweitert werden konnte.
Zunächst wurden der Nord- und Südflügel mit Kapelle fertig gestellt und nach Abbruch des alten Hauses des Bürgers Wiedersum der sogenannte Mittelbau errichtet. 1906 konnten die neuen Gebäude eingeweiht und in Betrieb genommen werden. Das Haus verfügte zu diesem Zeitpunkt bereits über insgesamt 150 Krankenbetten, moderne Operationssäle, Isolierzimmer, Röntgenräume, Baderaum, Tagesräume, eigene Küche und Waschküche sowie einen Wohnbereich für die Ordensschwestern.

1927 entstand durch die Architekten Deines und Chlormann ein Neubau entlang des Stadtgrabens – der sogenannte Privatbau. Er enthielt moderne Operationssäle, ein Entbindungszimmer und eine moderne Röntgenabteilung mit Bestrahlungszimmer. Es wurden viele kleinere, zweckmäßigere Einzelzimmer geschaffen mit großen geschlossenen Veranden. Diese hatten alle elektrische Beleuchtung, fließend kaltes und warmes Wasser sowie Fernsprechanschluss, was zu dieser Zeit als hochmodern galt. 1935 wurde der Isolierbau fertig gestellt, sodass das Krankenhaus über Platz für 380 Patienten verfügte.
1936 wurde das Ärztehaus an der Nussallee (heutiger Standort des Hospiz) fertig gestellt und die Krankenpflegeschule mit durchschnittlich 25 Schülerinnen nahm darin ihren Betrieb auf. Nachdem Hanau in den ersten Kriegsjahren des 2. Weltkrieges nur selten von Fliegerangriffen heimgesucht wurde, traf es beim Großangriff am 06. Januar 1945 das Haus stark. Die Kapelle sowie der chirurgische Bau und große Teile der umliegenden Gebäude wurden stark beschädigt. Die Versorgung der Patienten wurde in den nicht zerstörten Teilen des Krankenhauses weitergeführt.
Der zweite Großangriff am 19. März 1945 war für ganz Hanau ein sehr einschneidendes Ereignis. Ein Großteil der Stadt wurde bei diesem Angriff zerstört. So auch das St. Vinzenz-Krankenhaus. Eine Krankenbetreuung war in diesem zerstörten Krankenhaus nicht mehr möglich. Die Patienten wurden nach Hause entlassen oder in umliegende Gemeinden gebracht und dort weiter betreut. Die Trümmer des Krankenhauses wurden von den Schwestern und freiwilligen Helfern beseitigt und der Wiederaufbau begann. Aus den Trümmern konnte man die Röntgenabteilung funktionsfähig bergen und nach einem halben Jahr war es möglich, diese wieder in Betrieb zu nehmen. Es war die einzige funktionierende Röntgenabteilung in der Stadt und im ganzen Landkreis.

1949 konnte ein Großteil der Patienten wieder im Krankenhaus behandelt werden, es war nun Platz für 160 Patienten. Nach einigen Jahren des Neu- und Wiederaufbaus war das Krankenhaus 1957 wieder vollständig aufgebaut. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wurden immer wieder umfangreiche Baumaßnahmen durchgeführt, so 1961 die neue Kapelle, 1966 das Personalwohnheim, 1974 entstand eine moderne Cafeteria sowie ein Refektorium für die Ordensschwestern. Gleichzeitig wurde die Küche des Hauses modernisiert. Das neue Pförtnerhaus an der Nussallee diente mit neu installierter Anlage auch als Telefonzentrale.
1982 wurde der Funktionsbau fertig gestellt mit 1- und 2-Bett-Zimmern inkl. Nasszelle für die Patienten, moderner Intensivstation für die chirurgischen Patienten, ein neues, modernes Labor, eine moderne Operationsabteilung und ein moderner Diagnostikbereich.
Im Frühjahr 1984 entstand ein neuer Auffahrtsbereich, eine neue, helle Eingangshalle mit Pförtnerloge und eine Halle für die Krankenwagen. Der Haupt-
eingang wurde von der Nussallee in die Straße Am Frankfurter Tor verlegt.
Am 01.01.2005 wurde das St. Vinzenz-Krankenhaus aus der Gesellschaft der St. Vinzenz-Krankenhaus gGmbH Fulda ausgeliedert und in die eigenständige St. Vinzenz-Krankenhaus Hanau gGmbH umgewandelt.
Im Jahr 2009 wurde der Nord-Ost-Flügel eingeweiht, in dem sich seither im dritten Stock die gesamten Räume der Geburtshilfe auf einer Etage befinden.
2010 und 2011 wurde das ehemalige Personalwohnheim grundlegend saniert und erhielt den Namen „Sternbau“, der an den ehemaligen Eigentümer des Gebäudes, den Bankier Stern, erinnern soll, dessen Wohnhaus 1936 käuflich erworben wurde.

Im April 2016 wurde die neue Küche in Betrieb genommen. Durch den Abriss des Cafeteria-Flügels an der Nussallee wurde der Bau eines weiteren Bettenhauses möglich, das im März 2017 in Betrieb genommen wurde. Es enthält modern ausgestattete 1- und 2-Bett-Zimmer inklusive Bad sowie spezielle behindertengerechte Zimmer, die auch für Adipositas-Patienten genutzt werden.
Im August 2017 begannen die Vorbereitungen für den Abriss der restlichen alten Bausubstanz an der Nussallee und an der Bleichstraße. Im Dezember 2017 werden die Bauarbeiten für den 2. Bauabschnitt beginnen. In diesem Gebäude wird eine neue, moderne Operationsabteilung entstehen. Es ist sicher eine besondere Fügung, dass sich das Haus im Jubiläumsjahr „130 Jahre St. Vinzenz-Krankenhaus“ neu und modern für die Patienten und für die Versorgung zeigen kann.
Dass dies möglich war und das St. Vinzenz-Krankenhaus dieses Jahr das Jubiläum feiern kann, ist dem Engagement, der Kraft und dem Einsatz der Vinzentinerinnen zu verdanken, die vor 135 Jahren ihren vinzentinischen Dienst in Hanau aufgenommen haben und die bis heute ein fester Bestandteil der Hanauer Geschichte und des Lebens in Hanau sind.

Autorin: Jutta Berg, Pflegedirektorin, St. Vinzenz-Krankenhaus Hanau